„Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren”

Antiautoritäre Tradition, NS-Kontinuitäten und die strukturelle Resilienzlücke im Osten Deutschlands


I. Einleitung: Eine These, zwei Deutschlands

Am 9. November 1967 enthüllten Studenten der Universität Hamburg während der Rektoratsübergabe ein Transparent mit dem Schriftzug: „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren”. Der Satz war keine beiläufige Provokation. Er war eine komprimierte Zivilisationskritik, eine Anklage gegen das Schweigen der deutschen Nachkriegsgesellschaft über ihre nationalsozialistische Vergangenheit – und zugleich der vielleicht prägnanteste Ausdruck einer gesellschaftlichen Bewegung, die die Bundesrepublik nachhaltig veränderte.

Diese Bewegung hatte im anderen deutschen Staat kein direktes Pendant. In der Deutschen Demokratischen Republik gab es keine vergleichbare Studentenrevolte, keine öffentliche Auseinandersetzung mit NS-Kontinuitäten durch eine massenhafte soziale Bewegung von unten, keine „68er”. Und doch wäre es falsch zu behaupten, die DDR habe gar keine antiautoritäre Opposition gekannt: Die Bürgerrechtsbewegung der 1980er Jahre – die Umweltbibliothek, die Friedenskreise, das Neue Forum – übte genau das, was den 68ern im Westen zugeschrieben wird: Sie hinterfragte Autoritäten, schuf subkulturelle Gegenräume und begehrte gegen Unrecht auf. Nur eben gegen ein anderes Unrecht, unter anderen Bedingungen und mit anderen Mitteln.

Die These, die dieser Aufsatz untersucht, muss daher präziser lauten: Es ist nicht das bloße Fehlen antiautoritärer Tradition im Osten, das die Resilienzlücke gegenüber rechtsextremen Ideologien erklärt. Es ist vielmehr das spezifische Schicksal dieser Tradition nach 1989: Warum wurde die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung nach der Wende nicht zur „Immunkraft” gegen rechts – analog zur Rolle der 68er im Westen? Diese Frage, kombiniert mit der strukturellen Integration von Nationalsozialisten in die DDR-Gesellschaft und der gezielten Zuwanderung organisierter Neonazis aus Westdeutschland nach 1990, steht im Zentrum dieses Essays.


II. Die 68er im Westen: Antiautoritäre Bewegung als historische Zäsur

Die westdeutsche Studentenbewegung der späten 1960er Jahre war in ihrer gesellschaftlichen Wirkung weit mehr als ein akademisches Protestphänomen. Sie war eine generationelle Abrechnung mit dem, was der Soziologe Ulrich Herbert als „personelle und mentale Kontinuität” zwischen dem Dritten Reich und der frühen Bundesrepublik bezeichnet hat.

Die Universitäten, gegen die sich der Protest richtete, waren keine unschuldigen Institutionen. Der Hamburger Transparent-Slogan spielte bewusst auf das proklamierte „Tausendjährige Reich” an: Unter den Talaren der Professoren verbarg sich der ideologische und personelle „Muff” der NS-Zeit. Diese Einschätzung war empirisch begründet. Zahlreiche Lehrstühle waren nach 1945 mit Personen besetzt worden, die vor 1945 aktive Rollen im nationalsozialistischen Wissenschafts- und Verwaltungsapparat gespielt hatten. Juristischen Fakultäten, medizinischen Instituten und geisteswissenschaftlichen Seminaren war ein erheblicher Anteil an der ideologischen Legitimation des NS-Regimes zuzuschreiben.

Die Bewegung erzwang keine vollständige Aufarbeitung, aber sie setzte eine gesellschaftliche Dynamik in Gang, die langfristig Wirkung entfaltete: Die Auschwitz-Prozesse (1963–1968) gewannen öffentliche Aufmerksamkeit, pädagogische Konzepte veränderten sich, und die politische Kultur der Bundesrepublik wurde dauerhaft von einer kritisch-emanzipatorischen Gegentradition geprägt. Diese Tradition war Teil des kollektiven Gedächtnisses westdeutscher Gesellschaft und wurde als lebendige Auseinandersetzung an folgende Generationen weitergegeben.

Die Bewegung agierte dabei ausdrücklich als zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen den Staat und seine Institutionen. Ihr antiautoritäres Wesen war nicht nur rhetorisch: Sie stellte die Legitimität von Autoritäten grundsätzlich in Frage – in der Erziehung, in der Wissenschaft, in der Sexualmoral, in der Politik. Beate Klarsfeld, die 1968 Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger öffentlich ohrfeigte, weil dieser NSDAP-Mitglied gewesen war, verkörperte den Kern dieses Protests in einer einzigen Geste.


III. Die DDR: Antifaschismus als Staatsdoktrin, NS-Kontinuität als Staatsgeheimnis

Die DDR verfolgte einen fundamental anderen Umgang mit der NS-Vergangenheit. Der offizielle „antifaschistische Gründungsmythos” erklärte den ostdeutschen Staat zur Erbin der kommunistischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus. Die DDR präsentierte sich als Staat, der den Faschismus besiegt hatte und dessen Bürgerinnen und Bürger per definitionem Antifaschisten waren. Dieser Antifaschismus war jedoch keine gesellschaftliche Auseinandersetzung, sondern eine Staatsdoktrin – verordnet von oben, nicht erarbeitet von unten.

Die Forschung hat seit den 1990er Jahren zunehmend belegt, dass diese Selbstdarstellung historisch unhaltbar ist. Der Historiker Harry Waibel hat in seiner grundlegenden Studie „Diener vieler Herren” dokumentiert, dass die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ab 1947/48 systematisch ehemalige NSDAP-Mitglieder in ihre Reihen aufnahm. Die Sowjetische Besatzungszone und spätere DDR integrierten ehemalige Nationalsozialisten in Parteistrukturen, Staatsdienst, Bildungswesen und Wirtschaft – nicht anders als die Bundesrepublik, jedoch ohne dies je öffentlich anzuerkennen oder aufzuarbeiten.

Dieser Befund ist bedeutsam: Während im Westen die Kontinuitäten durch eine gesellschaftliche Bewegung zumindest teilweise thematisiert und delegitimiert wurden, blieben sie im Osten durch die Staatsdoktrin verdeckt. Die Kontrollfunktion der Gesellschaft über ihre eigene Geschichte wurde durch die autoritäre Struktur des SED-Staates strukturell ausgeschaltet. Eine soziale Bewegung, die analog zur westdeutschen die personellen Kontinuitäten benannt und angeprangert hätte, war unter den Bedingungen der DDR schlicht nicht möglich.

Die Konsequenz was eine doppelte Verdrängung: Erstens wurden NS-Belastete integriert statt konfrontiert. Zweitens wurde jede Kritik daran als Angriff auf den Antifaschismus des Staates gewertet und entsprechend verfolgt. Das Schweigen war institutionalisiert – aber es war nicht das letzte Wort.


IV. Die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung: Antiautoritärer Widerstand unter anderen Bedingungen

Es wäre eine grobe Vereinfachung zu behaupten, die DDR habe keinerlei antiautoritäre Opposition hervorgebracht. Die Bürgerrechtsbewegung der 1980er Jahre war eine genuine Widerstandskultur: Die Umweltbibliothek in der Berliner Zionskirche sammelte und verbreitete verbotene Informationen; Friedenskreise verweigerten die Logik der militärischen Aufrüstung; das Neue Forum formulierte im Herbst 1989 einen zivilgesellschaftlichen Anspruch auf Mitgestaltung. Diese Gruppen taten genau das, was eine antiautoritäre Bewegung tut: Sie hinterfragten die Legitimität von Autoritäten, schufen Gegenöffentlichkeit und setzten dem Machtanspruch des Staates das Eigenrecht der Gesellschaft entgegen.

Warum wurde diese Tradition dennoch nicht zur strukturellen „Immunkraft” gegen rechts – vergleichbar der Rolle, die die 68er im westdeutschen kollektiven Gedächtnis spielen? Diese Frage ist die eigentliche intellektuelle Herausforderung der These, und sie verlangt eine differenzierte Antwort.

Erstens: Der Zeithorizont war zu kurz. Die westdeutsche 68er-Bewegung hatte zwei Jahrzehnte Zeit, sich in Institutionen einzuschreiben: in Bildungspläne, in Parteiprogramme, in Redaktionsräume, in Familiengespräche. Die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung wurde im Oktober/November 1989 von der Geschichte überholt – die Massenbewegung, die die Mauer öffnete, war nicht mehr dieselbe, die die Bürgerrechtler angeführt hatten. Ihr Fenster der gesellschaftlichen Gestaltung war erschreckend schmal.

Zweitens: Die Bewegung wurde marginalisiert, nicht integriert. Nach der Wende wurden nicht die Bürgerrechtler zu den Protagonisten der neuen ostdeutschen Demokratie, sondern westdeutsche Institutionen, Parteien und Verwaltungsstrukturen übernahmen im Wesentlichen die Gestaltungshoheit. Die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, die in den Runden Tischen eine neue politische Kultur erprobt hatten, wurden in der Dynamik der schnellen Einheit zu Randfiguren. Ihre Tradition wurde nicht „vererbt”, weil die institutionellen Träger fehlten, die sie hätten weitergeben können.

Drittens: Die Themenachse war eine andere. Die westdeutschen 68er hatten die NS-Vergangenheit explizit zum Gegenstand gemacht – das war der Kern ihres Protests, der „Muff von tausend Jahren”. Die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung richtete sich gegen die SED-Diktatur, nicht gegen den Nationalsozialismus. Sie schuf damit zwar eine Tradition des Widerstands gegen staatliche Willkür, aber keine kollektive Erzählung, die spezifisch gegen NS-Verharmlosung und Rechtsextremismus immunisiert. Das sind verwandte, aber nicht identische Immunitäten.

Viertens: Der sozioökonomische Schock überlagerte alles. Die Deindustrialisierung, die Massenarbeitslosigkeit und das Gefühl kollektiver Entwertung, das viele Ostdeutsche in den 1990er Jahren erlebten, schufen ein gesellschaftliches Klima, in dem emanzipatorische Traditionen schwer zu pflegen sind. Ressentiments gedeihen leichter in Kontexten sozialer Demütigung als zivilgesellschaftliches Engagement – und die Neonazi-Szene verstand es, genau diese Ressentiments zu adressieren.


V. Die Wende und ihre rechtsextreme Nachgeschichte: Migration von Neonazis in den Osten

Nach dem Fall der Mauer 1989/90 öffnete sich für die westdeutsche Neonazi-Szene ein neuer Möglichkeitsraum. Die neuen Bundesländer boten mehrere Anreize: niedrige Mieten, schwache zivilgesellschaftliche Strukturen, kaum eingespielte demokratische Institutionen und – aus Sicht der Szene – ein politisches Klima, das als weniger von „68er-Werten” durchdrungen galt.

Die rechtsextreme Unterwanderung des Ostens war kein spontaner Prozess. Schon in den frühen 1990er Jahren wurden in bestimmten Regionen Sachsens, Thüringens und Brandenburgs strukturierte Szene-Netzwerke aus dem Westen etabliert. Dieser Prozess setzte sich fort und wurde in jüngerer Zeit durch organisierte Initiativen explizit propagiert. Die Neonazi-Initiative „Zusammenrücken” wirbt seit mindestens 2020 offen dafür, dass Rechtsextremisten aus dem Westen in die neuen Bundesländer ziehen sollen. Als Begründung wird angeführt, im Westen lebten „zu viele Ausländer” und der Osten biete mehr politisches Potential. Ein prominentes Beispiel ist der Umzug des Dortmunder Neonazi-Kaders Michael Brück nach Chemnitz.

Diese Migrationsbewegung traf auf eine Gesellschaft, die durch Jahrzehnte autoritärer Sozialisation, das Fehlen einer demokratisch-emanzipatorischen Gegenkultur und den sozioökonomischen Schock der Wiedervereinigung geschwächt war. Die Forscherin Christina Morina hat argumentiert, dass der geringere gesellschaftliche „Gegendruck” gegen rechts im Osten nicht zuletzt auf eine geringere Dichte der „nicht-radikalen Mitte” zurückzuführen sei – also jener zivilgesellschaftlichen Strukturen, die im Westen durch jahrzehntelange demokratische Praxis und eben auch durch den kulturellen Einfluss der 68er gewachsen sind.


VI. Die strukturelle Resilienzlücke: Was fehlt und warum

Die zentrale These lässt sich nun präziser lauten: Der Unterschied zwischen Ost und West ist nicht primär eine Frage individueller politischer Einstellungen, und er ist auch nicht das Ergebnis einer vollständigen Abwesenheit antiautoritärer Tradition im Osten. Er ist das Ergebnis strukturell unterschiedlicher historischer Prozesse, die unterschiedliche gesellschaftliche Immunkräfte gegen rechtsextreme Mobilisierung hervorgebracht und – entscheidend – unterschiedlich dauerhaft institutionalisiert haben.

Im Westen entstand durch die 68er-Bewegung eine kulturelle Infrastruktur des Antiautoritären: Bildungseinrichtungen, Medien, Subkulturen, politische Organisationen und familiäre Erzähltraditionen, die NS-Verharmlosung und autoritäres Denken sozial sanktionieren und öffentlich kritisieren. Diese Infrastruktur ist selbst umstritten und hat blinde Flecken, aber sie existiert, ist institutionell verankert und erfüllt eine Signalfunktion.

Im Osten existierte mit der Bürgerrechtsbewegung eine analoge Tradition – aber sie wurde nach 1989 nicht in dauerhafte Institutionen übersetzt. Die Resilienzlücke entstand also weniger durch das Fehlen antiautoritärer Menschen als durch das Fehlen antiautoritärer Institutionen. Die Ursachen dafür sind:

1. Die Aufarbeitung der NS-Kontinuitäten in der DDR blieb aus. Eine movement, die – wie die westdeutschen 68er – explizit NS-Kontinuitäten in Institutionen benannt hätte, gab es nicht. Die Bürgerrechtler richteten sich gegen die SED-Diktatur, nicht gegen den Nationalsozialismus. Das sind verwandte, aber nicht deckungsgleiche Immunitäten.

2. Die Bürgerrechtsbewegung wurde nach 1989 marginalisiert. Anstatt ihre Erfahrungen institutionell zu verankern, wurden westdeutsche Institutionen und Verwaltungsstrukturen übertragen. Die Träger der ostdeutschen antiautoritären Tradition wurden zu Randfiguren der neuen Demokratie.

3. Die Integration von NS-Tätern in der DDR blieb unbearbeitet. Die doppelte Verdrängung – erst durch die DDR, dann durch das Schweigen nach der Wende über diese DDR-interne Geschichte – hinterließ keine kollektive Erzählung, die als Immunisierung gegen Verharmlosung dienen könnte.

4. Der sozioökonomische Schock überwältigte zivilgesellschaftliche Strukturen. Deindustrialisierung und kollektive Entwertungserfahrungen schufen ein Klima, in dem emanzipatorische Traditionen schwer zu pflegen sind – und in dem die Neonazi-Szene ihre Angebote platzieren konnte.

5. Die Neonazi-Szene nutzte den Freiraum gezielt. Organisierte Rechtsextremisten aus dem Westen erkannten die Resilienzlücke und investierten erhebliche Energie in den Aufbau von Strukturen im Osten.


VII. Kritische Einordnung und offene Fragen

Diese These darf nicht deterministisch missverstanden werden. Sie erklärt Strukturen, keine Schicksale. Auch im Westen gibt es Rechtsextremismus; auch im Osten gibt es eine lebendige demokratische Zivilgesellschaft. Die Unterschiede sind gradueller, nicht kategorialer Natur.

Zudem birgt die These eine Gefahr, die methodisch ernst zu nehmen ist: Sie könnte in eine kulturalistische Erklärung abgleiten, die den Ostdeutschen einen gleichsam genetischen Mangel an Demokratiefähigkeit unterstellt. Das wäre historisch falsch und politisch schädlich. Die beschriebenen Unterschiede sind keine Charakterdefekte von Menschen, sondern Konsequenzen unterschiedlicher institutioneller Geschichten. Sie sind veränderbar.

Schließlich ist die These auf einen wichtigen Befund der Extremismusforschung zu beziehen: Rechtsextremismus ist kein ostdeutsches Phänomen. Die NSU-Morde geschahen in deutschen Städten von Nürnberg bis Dortmund. Die Infrastruktur der rechtsextremen Szene wurde wesentlich im Westen aufgebaut und finanziert. Die Rede vom „Osten als Problem” ist selbst eine Verdrängungsstruktur, die westdeutsche Mitverantwortung unsichtbar macht.


VIII. Fazit

Der Slogan „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren” war kein Witz. Er war eine gesellschaftliche Diagnose, die in der Bundesrepublik eine langfristige Wirkungsgeschichte entfaltete – als kulturelles Erbe einer Generation, die lernte, Autorität zu befragen. Diese Fähigkeit wurde tradiert, nicht angeboren. Und sie wurde tradiert, weil sie institutionell verankert wurde: in Schulen, Medien, Parteien, Familiengesprächen.

In der DDR gab es Menschen, die Autorität ebenso entschieden hinterfragten – die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler der 1980er Jahre. Ihr Mut war nicht geringer. Ihre moralische Substanz war nicht schwächer. Aber ihre Tradition wurde nach 1989 nicht in dauerhafte gesellschaftliche Institutionen übersetzt. Sie wurden marginalisiert, während westdeutsche Strukturen die Gestaltungshoheit übernahmen. Die antiautoritäre Erfahrung der DDR-Opposition ging damit als gesellschaftliche Ressource weitgehend verloren – ohne kollektives Erbe, ohne institutionelle Träger, ohne Weitergabe an die nächste Generation.

Dieses verlorene Erbe ist die eigentliche Lücke. Nicht das Fehlen von Menschen, die widerstehen konnten – sondern das Fehlen von Strukturen, die diesen Widerstand als gemeinsame Erzählung bewahrt hätten. In diese Lücke stieß die organisierte Neonazi-Szene aus dem Westen, ausgestattet mit Erfahrung, Geld und ideologischer Infrastruktur.

Die eigentliche Frage, die sich daraus ergibt, ist keine historische, sondern eine politische: Wie lässt sich das Erbe der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung nachträglich sichtbar machen und als demokratische Ressource aktivieren – nicht als westdeutsche Belehrung, sondern als Anerkennung eines Widerstands, der zu lange im Schatten der Einheitserzählung stand? Das wäre die wirkliche Vollendung der Einheit.


Weiterführende Literatur

  • Waibel, Harry: Diener vieler Herren. Ehemalige NS-Funktionäre in der SBZ/DDR. Peter Lang, Frankfurt am Main 2011.
  • Kraushaar, Wolfgang: Achtundsechzig. Eine Bilanz. Propyläen, Berlin 2008.
  • Herbert, Ulrich: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2014.
  • Morina, Christina: Die Erfindung der Volksgemeinschaft. Intimfeindschaft und politische Kommunikation im totalitären Deutschland. Hanser, München 2023.
  • Balzer Haus, Berit: „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren”: die Rhetorik auf Transparenten und Spruchbannern der 68er-Bewegung. 2023.
  • Bundeszentrale für politische Bildung: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, diverse Ausgaben zu 1968 und DDR-Geschichte.
  • Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. C.H. Beck, München 1996.
  • Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C.H. Beck, München 2009.
  • Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. C.H. Beck, München 2024. (Zur Marginalisierung der Bürgerrechtsbewegung durch die westdeutsche Übernahmelogik.)
  • Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): Die Umweltbibliothek. Geschichte und Gegenwart des politischen Widerstands in der DDR. Ch. Links, Berlin 2019.
  • Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. C.H. Beck, München 2006. (Zur Konkurrenz der Opfererzählungen.)
  • Decker, Oliver / Brähler, Elke (Hrsg.): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018. (Zu den empirischen Zusammenhängen zwischen Anomie, Statusängsten und rechtsextremen Einstellungen im Osten.)
  • Bohle, Dorothee / Etzold, Benjamin: „Demokratie in Ostdeutschland. Eine sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahme”. In: APuZ 16-17/2024. (Aktuelle empirische Befunde zur Zivilgesellschaft im Osten.)
  • Ritter, Jürgen / Lapp, Peter Joachim: Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk. Ch. Links, Berlin 2007.

Dieser Essay basiert auf einer Synthese des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstandes. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versteht sich als Beitrag zur Strukturierung einer wichtigen und weiterhin offenen gesellschaftlichen Debatte.

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