Der Strompreis ist zu hoch?

Eine Systemfrage

Die Frage scheint einfach. Deutsche Industrieunternehmen zahlen 16 bis 17 Cent pro Kilowattstunde[1]. Ihre amerikanischen Konkurrenten zahlen fünf bis neun Cent[2]. Französische Konkurrenten? Auch deutlich weniger. Also lautet die Antwort: Ja, der Strompreis ist zu hoch. Punkt. Aus. Ende der Debatte.

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Denn die Frage „Ist der Strompreis zu hoch?“ ist etwa so sinnvoll wie die Frage „Ist ein Auto zu teuer?“ – kommt ganz darauf an, ob Sie einen Gebrauchtwagen oder einen Neuwagen wollen, ob Sie Benzin oder Diesel fahren, und vor allem: wem das Auto eigentlich gehört.

Die falsche Frage

Die deutsche Politik hat auf diese einfache Frage eine einfache Antwort gefunden: Subventionen. Ab 2026 soll ein Industriestrompreis von fünf Cent pro Kilowattstunde für die Hälfte des Verbrauchs gelten[3]. Kostenpunkt: mindestens vier Milliarden Euro jährlich[4]. Die Bundesregierung adressiert damit ein Problem, das sie selbst nicht verursacht hat – aber auch nicht die Ursachen.

Was, wenn die Frage falsch gestellt ist? Was, wenn es gar nicht darum geht, ob der Preis zu hoch ist, sondern: Wer bestimmt eigentlich, was wir für Strom zahlen? Und wem fließt dieses Geld zu?

Die unsichtbare Architektur

Um das zu verstehen, müssen wir zurück in die neunziger Jahre. 1996 verabschiedete die EU die erste Richtlinie zur Liberalisierung des Strommarktes[5]. Das Ziel: Wettbewerb. Weg von staatlichen Monopolen, hin zu einem Markt, in dem Erzeuger konkurrieren und Verbraucher wählen können. 1998 zog Deutschland nach[6].

Die Idee war bestechend: Wenn viele Anbieter um Kunden konkurrieren, fallen die Preise. Und tatsächlich: Die Großhandelspreise sanken. Ein Erfolg der Liberalisierung.

Aber der Strompreis für Endverbraucher setzt sich aus mehr zusammen als aus dem Großhandelspreis. Und hier wird es kompliziert.

Das natürliche Monopol

Stromnetze sind etwas Besonderes. Sie sind ein „natürliches Monopol“[7]. Man kann nicht einfach ein zweites Konkurrenznetz neben das bestehende bauen – das wäre volkswirtschaftlicher Irrsinn. Also muss man das Monopol regulieren.

In Deutschland gibt es vier Übertragungsnetzbetreiber: Amprion, 50Hertz, TenneT und TransnetBW[8]. Sie sind die Nachfolger der alten Energiekonzerne E.on, Vattenfall, RWE und EnBW, die sich im Zuge der Liberalisierung von ihren Netzen trennen mussten[9]. Diese vier Betreiber sind privatwirtschaftliche Unternehmen. Und sie haben eine Eigenschaft, die man in der Debatte oft übersieht:

Sie können nicht pleitegehen.

Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Denn sie sind systemrelevant. Wenn sie ihre Kosten nicht über die Netzentgelte decken können, dann müssen die Netzentgelte eben steigen. Oder der Staat springt ein. Die Kosten trägt am Ende immer der Verbraucher.

Der Teufelskreis

Jetzt kommt die Energiewende ins Spiel. Der Strom muss vom Norden in den Süden transportiert werden, wo die großen Verbraucher sitzen. Aber der Netzausbau hinkt hinterher[10]. Also müssen die Netzbetreiber eingreifen: Sie regeln Windräder im Norden ab (und entschädigen sie) und fahren Kraftwerke im Süden hoch. Das nennt sich Redispatch – und es kostet Geld. Viel Geld. 2022 stieg die Menge solcher Anpassungen um 19 Prozent auf rund 33 Terawattstunden[11].

Diese Kosten werden über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt. Die Netzbetreiber müssen sie nicht selbst tragen. Sie reichen sie durch. Und weil sie wissen, dass sie sie durchreichen können, haben sie wenig Anreiz, sie zu minimieren.

Hier entsteht eine seltsame Allianz: Die Netzbetreiber profitieren von den Kosten der Energiewende, weil sie diese Kosten sicher refinanzieren können. Die Politik profitiert davon, weil sie die Energiewende vorantreiben kann, ohne direkt im Bundeshaushalt dafür zu zahlen. Und der Verbraucher? Der zahlt.

Der internationale Vergleich

Ein Blick in die USA und China zeigt, dass es auch anders geht – aber nicht unbedingt besser.

In den USA sind etwa 70 Prozent der Versorgungsunternehmen privatwirtschaftlich organisiert[12]. Sie sind an der Börse notiert und müssen Renditen für ihre Aktionäre erwirtschaften. Die Folge: Die Infrastruktur altert, weil Investitionen in Instandhaltung die Quartalszahlen drücken. Die Strompreise steigen trotzdem – um 6,9 Prozent im Jahresvergleich, deutlich über der Inflation[13]. In einigen Regionen gibt es Bewegungen, private Netze zurück in öffentliche Hand zu kaufen, weil die privaten Betreiber versagt haben[14].

China geht einen anderen Weg. Das Netz ist staatlich, aber der Markt wird schrittweise geöffnet. Private Unternehmen können als Erzeuger einsteigen, die Netzinfrastruktur bleibt in Staatshand. Der Staat kann strategisch steuern, ohne auf Marktkräfte völlig zu verzichten.

Die Ideologie der Privatisierung

Was lernen wir daraus? Dass die einfache Gleichung „Privatisierung = Effizienz = niedrigere Preise“ nicht aufgeht. Sie geht vor allem dann nicht auf, wenn es sich um natürliche Monopole handelt, die systemrelevant sind.

In Deutschland haben wir eine merkwürdige Mischung: Private Netzbetreiber, die ihre Kosten durchreichen können, reguliert von einer Bundesnetzagentur, die theoretisch die Kosten kontrolliert, praktisch aber vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Wenn die Kosten steigen, steigen die Netzentgelte.

Die Liberalisierung hat den Markt für Erzeugung und Handel geöffnet – das ist gut so. Aber sie hat eine Infrastruktur geschaffen, die privatwirtschaftlich organisiert ist, aber keine echten Marktrisiken trägt. Das ist das Schlimmste aus beiden Welten: Die Gewinne sind privat, die Risiken werden sozialisiert.

Die eigentliche Frage

Also zurück zur Ausgangsfrage: Ist der Strompreis zu hoch?

Ja. Aber das ist nicht die entscheidende Frage.

Die entscheidende Frage ist: Wem gehört das Netz? Wer bestimmt die Preise? Und welche Interessen verfolgen die, die bestimmen?

Solange wir diese Fragen nicht beantworten, werden wir weiter von Krisengipfel zu Krisengipfel taumeln[15]. Werden weiter Subventionen beschließen, die die Symptome bekämpfen, aber nicht die Ursachen. Werden weiter zusehen, wie die Industrieproduktion sinkt – sie liegt inzwischen 13 Prozent unter dem Höchststand von 2018[16].

Die Deindustrialisierung Deutschlands ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen. Entscheidungen über die Architektur unseres Energiemarktes. Entscheidungen darüber, wem wir unsere kritische Infrastruktur anvertrauen. Und Entscheidungen darüber, ob wir bereit sind, systemische Fragen zu stellen – oder uns mit einfachen Antworten zufriedengeben.

Die einfache Antwort lautet: Der Strompreis ist zu hoch, also subventionieren wir ihn.

Die komplexe Antwort lautet: Wir haben ein System geschaffen, in dem die Kosten der Energiewende auf die Verbraucher abgewälzt werden, während die Profiteure dieser Kosten privatwirtschaftlich organisiert sind. Solange wir das nicht ändern, werden die Preise weiter steigen. Mit oder ohne Subventionen.


Dieser Text ist das Ergebnis eines ausführlichen Gesprächs. Die darin enthaltenen Gedanken spiegeln die gemeinsame Reflexion über ein komplexes Thema wider – und den Versuch, es auf den Punkt zu bringen. Auch wenn 280 Zeichen dafür nie reichen würden.

Fußnoten

  1. Vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis), Daten zur Energiepreisentwicklung – Lange Reihen, Januar 2026.
  2. U.S. Energy Information Administration (EIA), Electric Power Monthly, February 2026.
  3. Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), Eckpunktepapier zum Industriestrompreis, Dezember 2025.
  4. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Kurzstudie zu den Kosten eines Industriestrompreises, Januar 2026.
  5. Richtlinie 96/92/EG des Europäischen Parlaments und des Rates betreffend gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt.
  6. Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts (EnWG-Novelle) 1998.
  7. Vgl. Monopolkommission, Sondergutachten 100: Energie 2021 – Wettbewerblich denken für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung.
  8. Bundesnetzagentur, Monitoringbericht 2025.
  9. Vgl. Bundeskartellamt, Sektoruntersuchung Stromerzeugung und -großhandel, 2023.
  10. Bundesnetzagentur, Bericht zum Zustand und Ausbau der Übertragungsnetze 2025.
  11. Bundesnetzagentur, Quartalsbericht zu Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen, Q4 2025.
  12. American Public Power Association (APPA), 2025 Statistical Report.
  13. U.S. Bureau of Labor Statistics, Consumer Price Index – Electricity, February 2026.
  14. The New York Times, „As Rates Soar, Some Cities Try to Buy the Grid“, 15. Januar 2026.
  15. Vgl. die wiederholten Industriegipfel im Bundeskanzleramt 2023–2025.
  16. Statistisches Bundesamt (Destatis), Produktion im Produzierenden Gewerbe, Februar 2026.

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