Die Verantwortung der Nachgeborenen: Was bleibt, wenn die Zeugen gehen
Die Zahl derer, die den Nationalsozialismus als Erwachsene erlebt haben, ist klein, und sie wird kleiner. Ende 2024 lebten in Deutschland rund 17.900 Menschen, die mindestens 100 Jahre alt waren, knapp ein Viertel mehr als 2011.1 Doch mit jedem Jahr gehören mehr von ihnen zu Jahrgängen, die 1945 noch Jugendliche oder Kinder waren. Das sind die letzten, deren persönliche Erinnerung eine direkte, sinnliche Autorität besitzt. Wenn Charlotte Knobloch, Jahrgang 1932, nach dem Wahlerfolg der AfD bei der Bundestagswahl im Februar 2025 sagt: „Das ist ein Fanal. Deutschland ist ab heute ein anderes Land“,2 dann spricht sie als eine der letzten, die das „andere Land“ von vor 1945 aus eigenem Erleben kennen. Die Frage, die sich daraus ableitet, ist keine rhetorische: Was geschieht mit der Verantwortung, wenn die letzten Zeugen sterben?
Dieser Text argumentiert: Weil sich rechte Empfänglichkeit über Milieus und Regionen weitergibt, genügt Zeitzeugenschaft nicht. Es braucht Strukturen, die die Erinnerung tragen, wenn die Zeugen fehlen. Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt im September 2026 macht diese Frage dringlicher. Nun ja – und ein bisschen unbequem ist sie obendrein.
Die demografische Leerstelle
Wer 1945 als 20-Jähriger aktiv am NS-System teilgenommen hat, wäre heute über 100 Jahre alt. Die Gruppe der Hundertjährigen ist allerdings eine Altersgruppe und keine Tätergruppe. Die Generation der Funktionäre, Wissenschaftler und Militärs des NS-Staates ist demografisch nahezu ausgestorben. Wernher von Braun, Jahrgang 1912, wäre heute 114 Jahre alt.3 Was bleibt, sind Menschen, die als Kinder oder Jugendliche sozialisiert wurden und deren Erinnerung notwendigerweise fragmentarisch ist. Im Grunde ist das die Lücke, um die es hier geht.
Die demografische Verschiebung betrifft aber nicht nur die Zeugen, sondern auch die Wählerschaft. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD nach der repräsentativen Wahlstatistik bei den 25- bis 44-Jährigen 27,1 Prozent und bei den 45- bis 59-Jährigen 25,7 Prozent, bei den 18- bis 24-Jährigen 19,0 Prozent und bei den über 70-Jährigen 11,5 Prozent. Bei den Jungwählern legte sie gegenüber 2021 deutlich zu.4 Das ist ein Befund, keine Erklärung: Auch die über 70-Jährigen haben keine eigene Erinnerung an das NS-System, und die Zugewinne bei Jungwählern passen nicht zu einer schlichten Erzählung vom Erinnerungsverlust. Der Befund beschreibt aber den Raum, in dem Verantwortung verhandelt werden muss.
Die Korrelation: Ein Indiz, kein Beweis
Hier setzt das Argument an, das als Indiz und nicht als Beweis verstanden werden muss. Die Studie von Davide Cantoni, Felix Hagemeister und Mark Westcott zeigt für die Bundestagswahl 2017 einen statistisch signifikanten und robusten Zusammenhang: Gemeinden mit höherem NSDAP-Stimmenanteil im März 1933 wählten häufiger AfD.5 Der Effekt ist substanziell, aber nicht überwältigend: Eine Standardabweichung mehr NSDAP-Anteil entspricht 0,08 Standardabweichungen mehr AfD-Anteil. Er hält der Kontrolle für Arbeitslosigkeit, Handelsexposition und Fluchtmigration stand, schwächt sich bei Berücksichtigung der Konfession ab und liegt in einer ähnlichen Größenordnung wie andere Erklärungsfaktoren. 2013, als die AfD noch eine wirtschaftsliberale Partei war, war der Zusammenhang klein und nicht signifikant. Erst mit der nationalistischen Wende nach 2015 „aktivierte“ sich die latente rechte politische Kultur.6
Das ist keine Aussage über Personen. Es ist eine Aussage über Regionen und kulturelle Persistenz. Die Wähler von 1933 sind tot. Die heutigen Wähler leben in Regionen, deren politische Kultur teilweise über Generationen weitergegeben wurde – oder sie sind Zugezogene, die in eine solche Region hineingeboren wurden. Dass es um Milieus und nicht um Abstammung geht, zeigt ein Detail der Studie: Wo nach 1945 viele Vertriebene angesiedelt wurden, verschwindet der Zusammenhang weitgehend. Am stärksten ist er in der früheren sowjetischen Besatzungszone, also auch dort, wo heute Sachsen-Anhalt liegt. Die Autoren verzichten ausdrücklich auf eine kausale Deutung. Getragen wird der Zusammenhang nach ihrer Analyse nicht von Antisemitismus, sondern von nationalkonservativer Ideologie, die über familiäre und lokale Weitergabe fortbesteht. Die Korrelation beweist keine Kausalität, und sie beweist keine personelle Kontinuität. Ob auch eine unzureichende kritische Auseinandersetzung zur Weitergabe beiträgt, kann die Studie nicht beantworten. Ihre Daten enden zudem 2017.
Die Gegenwart: Sachsen-Anhalt
Dass diese Frage nicht abstrakt bleibt, zeigt der 6. September 2026: Die AfD erreichte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent und verfehlte die absolute Mehrheit, gewann aber in 38 von 41 Wahlkreisen das Direktmandat. Mit Tobias Rausch stellt sie erstmals einen Landtagspräsidenten, und ihr Spitzenkandidat will sich im Dezember zur Wahl als Ministerpräsident stellen. In Mecklenburg-Vorpommern erzielte die AfD am 20. September 38,2 Prozent.7 Die Studie von 2017 erklärt diese Ergebnisse nicht. Sie macht aber verständlich, warum Verantwortung nicht beim Verstehen einzelner Wahlmotive enden kann. Und sie zeigt, dass es hier nicht mehr um einzelne Wahlergebnisse geht, sondern um eine politische Dominanz, die andere Parteien strukturell unter Druck setzt. Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, ob Erinnerungskultur allein genügt oder ob demokratische Institutionen neue Formen der Selbstbehauptung brauchen.
Man kann das alles einwenden. Die AfD zieht ihre Stärke vor allem aus wirtschaftlicher Unsicherheit, aus der Migrationspolitik und aus einem Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Parteien – vieles spricht dafür, dass diese Faktoren eine zentrale Rolle spielen, und wer das ignoriert, macht es sich zu leicht. Nur: Die Frage nach kulturellen Langzeitkontinuitäten wird dadurch nicht überflüssig. Sie erklärt nicht, warum die AfD in manchen Regionen deutlich stärker ist als in anderen mit ähnlicher Wirtschaftslage. Und sie entbindet niemanden von der Verantwortung, die aus der Geschichte folgt.
Die faktische Verantwortung
Was bedeutet das für die Verantwortung der Nachgeborenen? Zunächst eine unbequeme Klarstellung: Verantwortung ist kein Gefühl, sondern eine Praxis. Sie bemisst sich nicht daran, ob man sich schuldig fühlt, sondern daran, was man tut – und was man unterlässt.
Die faktische Verantwortung der Nachgeborenen liegt in drei Bereichen, in denen sich ein Versagen benennen lässt:
Erstens: in der Erinnerungspolitik. Wenn Gedenkstätten zu Orten werden, die man einmal im Jahr mit der Schulklasse besucht, aber nicht mehr als aktive Auseinandersetzung mit den Kontinuitäten rechter Ideologie begreift, dann versagt die Weitergabe. Der Historiker Volker Weiß beschreibt, wie die extreme Rechte um die Deutungshoheit über die Geschichte kämpft: Sie versuche, den Nationalsozialismus als „links“ umzudeuten und eine alternative Geschichtsschreibung durchzusetzen.8 Wer diese Deutungshoheit kampflos aufgibt, trägt Mitverantwortung.
Zweitens: im Umgang mit der AfD als Partei. Es ist eine Sache, AfD-Wähler aus Protest oder Unzufriedenheit zu verstehen – eine andere, eine Partei zu normalisieren, deren führende Funktionäre wiederholt durch geschichtsrevisionistische Äußerungen aufgefallen sind. Björn Höcke bezeichnete das Berliner Holocaust-Mahnmal öffentlich als „Denkmal der Schande“.9 Mehrere Landesverbände – darunter Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen – sind von den jeweiligen Landesämtern für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft; die Bundespartei darf nach einer Eilentscheidung des Verwaltungsgerichts Köln vom Februar 2026 vorerst nicht so bezeichnet werden und bleibt Verdachtsfall.10 Die Verantwortung liegt nicht darin, jeden Wähler moralisch zu verurteilen. Protestmotive und politische Überzeugungen greifen bei AfD-Wählern häufig ineinander, und monokausale Erklärungen greifen zu kurz.11 Sie liegt darin, die Partei nicht als „auch nur eine demokratische Kraft“ zu behandeln, wenn sie die Grundlagen der Erinnerungskultur infrage stellt. Das ist kein Pappenstiel, aber es ist auch kein Freibrief für pauschale Verachtung der Wähler.
Drittens: in der demografischen Ehrlichkeit. Solange noch Zeitzeugen leben, die Hundertjährigen ebenso wie jene, die den Nationalsozialismus als Kinder erlebten, gibt es eine letzte sinnliche Autorität der Warnung. Aber diese Autorität wird nach und nach verschwinden. Die Verantwortung der Nachgeborenen besteht darin, Strukturen zu schaffen, die die Warnung tragen, wenn die Warner nicht mehr da sind – in Bildung, in Zivilgesellschaft, in einer streitbaren Demokratie, die nicht erst reagiert, wenn es zu spät ist.
Schluss
Die Nazis von damals sind tot, die letzten Zeugen haben moralische Autorität, aber keine politische Macht, und die Korrelation zwischen NSDAP-Hochburgen und AfD-Hochburgen beweist keine Schuld. Aber sie zeigt etwas anderes, vielleicht Beunruhigenderes: Die Empfänglichkeit für rechte Ideologie ist nicht mit den Tätern gestorben. Sie hat überlebt – in Regionen und in Milieus. Ob sie auch dort fortlebt, wo Erinnerung zum bloßen Ritual geworden ist, lässt sich aus den Daten nicht ablesen; es bleibt eine Frage, der sich die Nachgeborenen stellen müssen. Charlotte Knobloch hat recht, wenn sie sagt, die Verantwortung der demokratischen Parteien sei nie größer gewesen.12 Aber diese Verantwortung endet nicht bei den Parteien. Sie endet bei den Nachgeborenen – und sie endet nicht damit, dass die letzten Zeugen sterben. Sie fängt dann erst richtig an.
Fußnoten
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 29.09.2025: Ende 2024 lebten rund 17.900 Menschen in Deutschland, die mindestens 100 Jahre alt waren; gegenüber 2011 ein Anstieg um knapp ein Viertel (24 Prozent). Zitiert nach ZDFheute: „Zahl der Menschen über 100 Jahre in Deutschland gestiegen“. ↩
- dpa, zitiert nach Jüdische Allgemeine: „Charlotte Knobloch: ‚Deutschland ist ab heute ein anderes Land‘“, 23.02.2025. ↩
- Wernher von Braun, geboren am 23.03.1912, wäre heute 114 Jahre alt. Er war seit 1937 NSDAP- und seit 1940 SS-Mitglied, leitete als Technischer Direktor die Heeresversuchsanstalt Peenemünde und trug Mitverantwortung für die Zwangsarbeit im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Belege: NASA, Wernher von Braun („joined the Nazi Party in 1937 and became a junior SS officer in 1940“; „utilized enslaved labor from the attached Mittelbau-Dora concentration camp“; „well aware of the terrible conditions and was involved in decision-making about the use of slave labor“). Ergänzend: Rainer Eisfeld, Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei; Rezension in der FAZ, online („Die Beschaffung der Häftlinge für die Arbeiten haben SS und Raketentechniker gemeinsam organisiert“). ↩
- Frank Decker: Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD, Bundeszentrale für politische Bildung, 16.05.2026 (Zahlen der repräsentativen Wahlstatistik zur Bundestagswahl 2025). ↩
- Davide Cantoni, Felix Hagemeister, Mark Westcott: Persistence and Activation of Right-Wing Political Ideology, Fassung vom 25.02.2019 (LMU München; CRC TRR 190 Discussion Paper 143). Basiseffekt für 2017: 0,08 Standardabweichungen (Tabelle 2); 2013 klein und nicht signifikant. ↩
- Ebd., Abschnitte 1 und 2. ↩
- Landtagswahl Sachsen-Anhalt vom 06.09.2026 und Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern vom 20.09.2026: bpb, Tabelle der AfD-Wahlergebnisse (43,8 bzw. 38,2 Prozent); Direktmandate in 38 von 41 Wahlkreisen: Volksstimme; Wahl von Tobias Rausch und angekündigte Kandidatur Ulrich Siegmunds: Stuttgarter Zeitung. Stand: 28.10.2026. ↩
- Volker Weiß: Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört. Stuttgart: Klett-Cotta 2025. ↩
- dpa-Mitschrift der Rede Höckes in Dresden am 17.01.2017, dokumentiert u. a. bei Zeit Online: „Die Höcke-Rede von Dresden in Wortlaut-Auszügen“: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ ↩
- Zur Einstufung der Landesverbände: Tagesspiegel, 27.02.2026; zur Eilentscheidung des VG Köln vom 26.02.2026 (Az. 13 L 1109/25): LTO. ↩
- Decker (wie Anm. 4), Abschnitt „Wählerschaft“. ↩
- Wie Anm. 2. ↩
PS: Vor 88 Jahren am 28.10.1938 fand die erste Massendeportation von jüdischen Menschen aus dem Deutschen Reich statt.

